Jede Veränderung beginnt mit einer Entscheidung

Jan 27, 2015 von

Jede Veränderung beginnt mit einer Entscheidung

Eine Entscheidung ist das mächtigste Werkzeug, das wir für unsere Realitätsgestaltung einsetzen können. Selbstermächtigung. Man erlangt sie nur, wenn man beginnt, Entscheidungen für sich zu treffen. Vermeidet man dies, aus welchem Grund auch immer, gibt man das Ruder seines Lebens aus der Hand. Die Entscheidungen trifft dann ein Anderer.
Vor vielen Jahren stand ich vor einer dieser Entscheidungen. Zur Bundeswehr oder Zivildienst? Abenteuer klang gut. Eine kleine Entscheidung, dachte ich. Was sie bedeuten sollte, wusste ich noch nicht.
Drei Monate später sitze ich auf dem höchsten Punkt eines Hügels und starre in das Tal, das sich vor mir auftut. Es ist stockfinster und 5 Grad unter Null. Meine Kameraden beschweren sich über die „scheiß Kälte“. Wir frieren alle.
Es ist mein erster Monat bei der Bundeswehr. Wie die meisten Jungs heutzutage bin ich ein verwöhnter Bengel. Nicht, dass ich besonders reich wäre. Aber ich genieße alle Errungenschaften unseres schönen Landes und habe mich noch nie damit befassen müssen, wo meine Grenzen sind. Ein warmes Bett ist für mich selbstverständlich. Der freie Zugang zu Nahrung ebenso.
Das alles ist hier anders. Und so frage ich mich, während die Kälte durch den Boden in meinen zitternden Körper kriecht, wie es so weit mit mir kommen konnte. Meine Ausbilder erklären uns gerade, wie weit man eine Zigarette bei Nacht sieht. Raucher sterben nicht nur in Friedenszeiten früher…
Die Nacht ist sternenklar. Es hat fast schon etwas unreales, in diese Dunkelheit zu blicken. Mir würde nie einfallen, bei Nacht an diesen Ort zu gehen. Und doch werde ich heute Nacht hier schlafen. Es ist verrückt. Eine kleine Entscheidung hat mich hierher geführt. Ich bereue es.
Vier Monate später in einer amerikanischen Kaserne. Wir bewachen einen Checkpoint unserer amerikanischen Freunde, weil sie alle im Irak sind und Personalmangel herrscht. Es ist nicht meine erste Wache. Schon einmal war ich auf einem Wacheinsatz als Checkpoint-Chef. Deshalb kenne ich den Ablauf ganz gut.
Es ist ein ruhiger Tag. Nichts Auffälliges. Ein schwarzer Wagen fährt vor. Einer meiner Kameraden hält ihn an, um ihn einer normalen Kontrolle zu unterziehen. Plötzlich wird der Fahrer laut und beleidigend. Man hat uns beigebracht, dass Personen, die die Kooperation verweigern, besonders gründlich durchsucht werden müssen. Es könnte ja sein, dass das nur eine Masche ist, um Dinge in die Kaserne zu schmuggeln, die explodieren sollen. Und so fordern wir den Fahrer auf, für die Kontrolle auszusteigen. Das gefällt ihm nicht.
Der Wagen startet und rast durch den Checkpoint an mir vorbei. Meinem Kameraden hängt das Kinn bis zur Brust. Er steht da wie angewurzelt. Gedanken feuern wie Blitze durch meinen Verstand. Innerhalb von Millisekunden wäge ich die Fakten ab. Vielleicht ist er nur sauer. Vielleicht ist er aber auch unterwegs zu seinem Ziel. Für den Bruchteil einer Sekunde bin ich hin und her gerissen.
Dann lade ich mein Sturmgewehr durch. Ich setze es an und nehme den Wagen ins Visier, der sich vom Checkpoint entfernt. Adrenalin pumpt durch meine Adern. Ich denke: In den Reifen oder auf den Fahrer?
Dann drückt jemand mein Gewehr runter. Es ist mein Vorgesetzter. Er war zufällig in der Nähe und hat die Situation beobachtet. „Weg damit!“ raunt er mir zu.
Wild gestikulierend rennt er dem Wagen hinterher. Dieser hält an und dreht um. Wie sich herausstellt, war er tatsächlich nur schlecht gelaunt und hatte keine Lust, sich am Checkpoint aufhalten zu lassen. Was, wenn mein Vorgesetzter sich nicht dazu entschieden hätte, kurz vorbeizschauen? Was, wenn ich eine Sekunde früher abgedrückt hätte? Entscheidungen. Manchmal entscheiden sie darüber, ob du lebst.
Ein paar Wochen später auf einem gottverlassenen Berg in den österreichischen Alpen.
Seit 2 Tagen kotze ich mir die Seele aus dem Leib. Magen-Darm Grippe. Ich habe das zweifelhafte Glück, in der Kaserne bleiben zu dürfen, während meine Kameraden dort draußen tun, was Soldaten nun mal tun. In dieser Nacht stehe ich draußen, mein Blick ist voller Spannung. MG Feuer ist in der Ferne zu sehen. Der Donner dieser Waffe ist kilometerweit zu hören. Dort draußen bekämpfen sie wieder irgendeinen imaginären Feind. Und ich kann nicht dabei sein. Am gleichen Abend entscheide ich mich, am nächsten Tag wieder am Start zu sein. Und das bin ich. Eine Woche, die man in seinem Leben nicht vergisst, ist die Belohnung. Eine kleine Entscheidung. Und selbst Jahre später kocht das Blut, wenn man daran denkt.

Entscheidungen haben einen unvorstellbar mächtigen Einfluss auf unser Leben. Vielleicht wird es Zeit, Entscheidungen wieder bewusst zu treffen. Sie aus der Person abzuleiten, die man ist; anstatt sie sich diktieren zu lassen. Das ist der Kern der Selbstermächtigung. Große Veränderungen beginnen oft mit einer kleinen Entscheidung.

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