Die Verantwortung, ein Mann zu sein

Jul 1, 2014 von

Die Verantwortung, ein Mann zu sein

 

 

Es ist das 12. Jahrhundert vor Christus. Irgendwo auf dem europäischen Kontinent, in der Nähe von Griechenland, stehen sich zwei Heere gegenüber.

Die Soldaten sind bereit, das zu tun, wofür sie gekommen sind. Die Sonne brennt hart auf sie hernieder, als die beiden Heerführer und Könige sich aufmachen, um sich in der Mitte zu treffen. Sie mustern sich einen Augenblick. Dann tauschen sie ein paar Worte aus. Der Eine ist voll Hoffnung; er warnt den Anderen, der in sein Land eingedrungen ist, vor dieser Schlacht. Die Kräfte sind gleichmäßig verteilt, ein Sieg für keinen der beiden gewiss und wenn errungen, würde er mit viel Blut bezahlt werden müssen. Der Eine schlägt vor, heute keine Schlacht zu schlagen und in Frieden abzuziehen. Der Andere lehnt ab. Er greift nach dem Land des Einen. Doch er macht einen Vorschlag.

“Wir machen es auf die alte Art und Weise. Dein bester gegen meinen besten. Der Verlierer ergibt sich mit seinem gesamten Heer dem Gewinner.”

Der Eine fühlt den Sieg zum Greifen nahe und willigt ein.

Er holt tief Luft, um den Namen seines Kriegers; seines Besten, auszurufen: “Boagrius!”

Aus den Reihen des Einen tritt ein Riese von Mann hervor. Ein furchterregender Barbar mit Muskeln wie Panzerplatten. In der einen Hand hält er seinen Schild, der in der Sonne glänzt. In der anderen mehrere Speere. Dieser Mann, denken die Soldaten des Anderen, hat so viele Leben auf dem Schlachtfeld genommen, dass man sie nicht mehr zählen kann. Es gibt Geschichten darüber. Und nun steht er vor seinem Heer, aus seinem Blick spricht die Kampfeslust eines Mannes, der es gelernt hat, den Tod zu bringen.

Nun schreit der Andere seinen Kämpfer herbei.

“Achilles!”

Niemand kommt. Achilles ist nicht da. Der Eine grinst dem Anderen ins Gesicht: “Boagrius ist bekannt dafür, diesen Effekt auf Männer zu haben.”
Achilles kommt nicht. Er liegt mit einer Frau in seinem Zelt und schläft. Ein Bote eilt herbei und weckt ihn auf. Stöhnend steht Achilles auf, sichtlich verärgert über diese Störung. Er gibt nichts auf seinen König; und das zeigt er ihm sehr deutlich.

Sein Pferd bringt ihn schnell zum Ort der Schlacht. Die reihen gehen auseinander, während er hindurchreitet. Die Männer wissen, wer dort kommt. Es ist ein Mann, neben dem sie in vielen Schlachten gemeinsam gekämpft haben und der nicht wenigen von ihnen das Leben gerettet hat.

Sein König ist außer sich. Dieses Verhalten von einem einfachen Soldaten ist eine reine Anmaßung. Er sagt: “Ich sollte dich für dein Verhalten auspeitschen lassen.”

Achilles dreht auf der Stelle um, ohne den Heeresführer eines Blickes zu würdigen. “Vielleicht solltest du diesen Kampf selber austragen.”

Eine Ohrfeige für seinen König. Es interessiert ihn nicht. Er hat keinen Respekt vor ihm. Selbst der König muss sich Respekt erst verdienen. Der gegnerische König eilt herbei und redet auf ihn ein. Er beschwört ihn, zu kämpfen und das Leben all dieser Männer zu retten, die anderenfalls die Schlacht austragen müssten.

Er willigt ein und wendet sich wieder dem Schlachtfeld zu. Auf dem Weg dorthin beleidigt er seinen Heeresführer ein Zweites mal. Achilles kennt seine Stärken. Und er kennt seinen Wert.

 

Achilles zieht sein Schwert. Der Barbar wittert den nahenden Kampf und entfesselt seinen Kampfschrei in Vorfreude auf das Duell. Seine Männer jubeln ihm zu, strecken ihre Speere zu seiner Ehre hoch in die Luft. Wie ein wild gewordener Stier stößt er die Luft aus seinen Lungen, um seinen Körper für den Kampf bereit zu machen.
Achilles rennt langsam, aber entschlossen auf den Riesen zu. Er wählt genau die richtige Geschwindigkeit. Zu langsam, und er wird ein Ziel für den Speer des Hühnen. Zu schnell und seine Bewegungen werden in der Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Sein Verstand ist jetzt, kurz vor dem Zusammentreffen, messerscharf. Seine Augen fokkusieren den Gegner fortwährend durch den Helm hindurch, jede Bewegung nimmt er auf.
Der Barbar greift einen Speer. Mit einem Schnauben schleudert sein mächtiger Wurfarm ihn auf Achilles. Ein perfekter Wurf. Achilles reißt seinen Schild hoch, der Speer schlägt mit einer Wucht ein, die seinen Lauf kurz verlangsamt. Ohne zu zögern lässt er ihn fallen. Der zweite Speer des Barbaren kommt kurz darauf geflogen. Er hätte ihn durchbohrt, doch Achilles weicht ihm meisterhaft aus. Aus dieser Bewegung heraus nimmt er Geschwindigkeit auf. Seine Schritte werden plötzlich schneller. Der Barbar ist nun gefährlich nahe. Er zieht sein Schwert, um Achilles damit in zwei Teile zu spalten. Doch Achilles beschleunigt auf den letzten Metern so schnell, wie es der Barbar nicht für möglich gehalten hat. Achilles springt ab. Sein Sprungt ist kraftvoll und hoch. Er fliegt seitlich an Boagrius vorbei und treibt ihm sein Schwert von oben durch die Schulter in den Leib. Boagrius schnauft nach diesem Treffer tief. Er läuft noch ein paar Meter und kippt dann vornüber mit dem Gesicht in den Staub. Er ist tot.

 

Wow!

Jedem Mann jagt bei dieser Szene ein Schauer über den Rücken. Es ist eine der eindrucksvollsten Szenen des Films “Troja”. Was hat diese Geschichte, dass sie uns Männer tief in unserem Herzen berührt? Woher kommt es, dass jeder Mann sich mit diesen kämpferischen Helden identifizieren kann?

Die Antwort ist: Es ist vom ersten Tag an in uns.

Es wird uns nicht beigebracht und wir werden nicht in irgendeiner Form “geprägt”, damit wir so werden. Nimm einem Jungen all seine Pistolen und Schwerter weg, die er als Spielzeuge daheim hat. Er wird in den Wald gehen und sich aus Ästen ein Gewehr oder einen Bogen bauen. Wenn es keinen Wald gibt, wird er Steine sammeln und damit auf alle möglichen Dinge zielen. Dieser Drang nach Aggresivität fließt durch unsere Adern und macht am Ende das aus, was wir sind.

Ich glaube, viele Männer wissen nicht mehr, wo ihre Wurzeln sind und was sie ausmacht. Ich selbst habe lange danach suchen müssen. Als Kind aus einer geschiedenen Ehe weißt du weder, wo deine Wurzeln als Mann begraben sind, noch, wie tief du graben musst. Manche wissen nicht einmal, dass sie überhaupt graben müssen.

Irgendwo in uns ist diese Stimme, die uns herausruft aus unserer Wohnung, unserem Büro oder unserem Job als Lagerarbeiter. Sie ruft uns auf die Berge, auf weite Wiesen und tief in die Wälder hinein. Kannst du dir vorstellen, dass wir dort herkommen? Vor nicht all zu langer Zeit haben wir einen Großteil unserer Zeit an diesen Plätzen verbracht. Wir haben unter der Sonne gearbeitet und nachts Lagerfreuer abgefackelt, um es warm zu haben. Wer das selbst einmal erlebt hat, weiß, wovon ich rede.
Diese Ursprünglichkeit ist in jedem Mann. Kannst du sie spüren? Und wenn ja, lässt du sie zu? Oder sperrst du sie an einen geheimen Platz in deinem Herzen, weil die Gesellschaft oder dein Umfeld nicht will, dass du diese Dinge tust, die dich lebendig machen?

Männer, die ihre Wildheit einsperren, verleugnen sich selbst. Diese Wildheit ist ein Teil dessen, was uns ausmacht. Sperrst du sie weg, wird sie so lange gegen die Zelle hämmern, bis du sie beachtest.
Vielleicht hörst du diese Stimme, die dich ruft. Vielleicht weißt du nicht, wo sie herkommt und was sie dir sagen will. Wenn das so ist, will ich, dass du den Versuch wagst ab sofort auf diese Stimme zu hören und ihr entgegen zu laufen.

Ruft sie dich in die Natur? Auf einen Berg? In ein Fitness-Studio? Zu einem Ritter Essen?
Wag es. Ignoriere deine Natur nicht weiter, sondern freunde dich mit ihr an. Und sperr’ sie nicht ein.

 

Lass sie raus!

 

In dir ist dieser Achilles. Du trägst alles in dir, wofür er steht. Ehre, Würde, Mut, Kampfeslust. Spürst du diese Dinge noch? Wenn nicht, wird es Zeit, dich auf die Suche zu machen. Die Welt braucht diese Männer. Nicht für Kriege oder Kämpfe. Sondern weil die Welt sonst eine andere wird; eine gefährlichere. Die Abwesenheit von Stärke, die bei Männern immer weiter verbreitet ist, öffnet die Tür für alle möglichen Einflüsse. Neue, Aufregende, aber auch Gefährliche. In der Familie führt diese Schwäche zu Instabilität. Bei der Arbeit zu Unzufriedenheit und durchschnittlichen Leistungen. Beim Mann selbst führt sie zu Dingen wie der Midlife-Crisis. Sie ist der bekannteste Vertreter dieser Schwäche, die auftritt, wenn ein Mann sich über Jahre selbst verleugnet.

Deshalb geht wieder raus; auch, wenn es Überwindung und Zeit kostet; manchmal sogar Ärger gibt. Nehmt euch die Zeit, maskuline Dinge zu tun. Ich werde nie vergessen, wie lebendig ich mich fühlte, als ich bei den Gebirgsjägern anfing und zum ersten mal im Dreck kriechen durfte. Das war ein unbeschreibliches Gefühl. Ein Gefühl, das jeder haben sollte. Hol es dir.

 

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