Amazon – Hate it or Love it

Nov 25, 2013 von

Amazon – Hate it or Love it

Über wenige Läden wird dieser Tage so wild diskutiert wie über den Internetgiganten Amazon. Da das Thema einige Menschen auch in meinem Bekanntenkreis immer wieder bewegt, fühle ich mich genötigt hier ein paar klare Worte zu streuen.
Was ist los mit diesem Unternehmen, dass es die Menschen so heftig polarisiert? Wenn man darüber redet hört man entweder derbe Shitstorms oder Lobeshymnen auf diesen Internet Koloss. Ich bin selber Amazon Kunde, gleichzeitig aber ein Verfechter der Idee, lokale Unternehmen zu stärken. Wie das zusammenpasst wirst du gleich erfahren. Vorher schauen wir uns mal an, was den Amazonen denn so schlimmes vorgeworfen wird, dass das ganze scheiß Internet von nichts anderem mehr redet.

 

Amazon beutet seine Angestellten aus

Ja, und wenn man von den Arbeitsbedingungen dort hört, vergeht einem der Appetit. Neulich konnte ich auf Welt.de lesen, dass jeder Handgriff im Amazon-Lager vorgegeben ist. Der Mitarbeiter wird auf die reine Arbeitskraft reduziert, die sein Körper hergibt. Ja, das ist demütigend.
Erstmal, was hält die ganzen Opfer in den Lagern eigentlich davon ab, Amazon einen Arschtritt zu verpassen? Ich weiß, dass das nicht einfach ist. Aber die scheiß Roboterarbeit ist auch nicht einfach, oder? Sonst würden sie ja nicht ständig streiken.
Ich hatte auch mal einen Job, bei dem ich mir gedemütigt vorkam. Errät irgendjemand, was ich getan habe, um diese Umstände zu verbessern? Na? Es gibt da einen Trick, aber das bleibt jetzt unter uns, ja?
Ich bin in mein Büro, habe meine Kündigung geschrieben und sie der Chefsekretärin auf den Tisch gelegt. Meine Vorgesetzte bekam mich auf meinem Weg in die Freiheit gerade noch zu packen, um mich mit einem “Wohin gehen Sie!?” ein letztes mal mit ihrer Anwesenheit zu beleidigen.

“Zum See.”

Boom. Problem gelöst. Ja, danach kamen ein paar Wochen arbeitslosigkeit. Ja, das ist nicht einfach. Aber es ist besser, als sich täglich von irgendeinem Tyrannen fisten zu lassen.
Also, liebe Amazon Mitarbeiter. Falls das hier einer liest, da unten gibt es eine Kommentarfunktion. Lasst hören, warum ihr dort noch arbeitet.
Und kommt mir nicht mit der Scheiße, dass ihr sonst keine Arbeit mehr findet. Es gibt Fortbildungen, Umschulungen, das Internet usw. Noch nie gab es so viele Möglichkeiten, Geld zu verdienen, wie heute. Wer mit der Zeit geht und sich gegen Veränderungen nicht sperrt, muss davor keine Angst haben.

 

Amazon zerstört den lokalen Handel

Das ist wahr. Amazon macht Asche und nimmt den lokalen Einzelhändlern den Umsatz ab. Das tut weh, ich verstehe das, wirklich. Aber Freunde: schonmal was von Wettbewerb gehört? Während Amazon den Markt im Sturm erobert hat, hat sich da keiner der kleinen Buchhandlungen gefragt: “Warum rennen die Kunden dort hin und nicht zu mir?”.
Die meisten werden das nicht gemacht haben. Und wenn sie es getan haben, dann waren sie zu ängstlich oder zu faul, sich neu auszurichten, sich an die Zeit anzupassen; sonst wären sie ja noch am Markt. Deutschland ist eine verschissene Service Wüste und Amazon schlägt mit seinem amerikanischen Spirit in genau diese Kerbe. Das Erfolgsrezept, das den Unterschied macht, kann man ganz einfach auf einen Satz reduzieren:

Der Kunde ist König

An alle, die im Einzelhandel was zu sagen haben: Hört ihr das? DER KUNDE IST KÖNIG. Nicht ihr! Der Kunde hat das Geld, ihr wollt das Geld.

Also fangt endlich damit an, euch Mühe zu geben. Wie viele schlechte Beratungen von unterdurchschnittlichen Beratern und mies gelaunten Verkäufern muss ich noch ertragen, bis ihr es endlich mal auf die Kette kriegt? Amazon mag einiges falsch machen. Aber es macht die wichtigen Dinge verdammt richtig. Und deshalb gehen die Leute dort hin. Wenn die Kunden zu Amazon gehen und nicht zu euch, habt ihr sie auch nicht verdient. So funktioniert Marktwirtschaft seit Jahrhunderten.
Seht ihr, wenn ich mich selbst 2 Stunden im Internet über ein Produkt informieren muss, um eine objektive und professionelle Meinung zu bekommen, wieso soll ich mich dann noch bei dem scheiß Wetter aufraffen und in eines eurer Geschäfte fahren? Wo ist der Mehrwert Freunde?
Wenn ich einen ungeöffneten Artikel für 10 Euro 2 Tage später umtauschen will, muss ich im Einzelhandel mit irgendeinem Typen diskutieren und ihm meine Welt erklären. Amazon nimmt das Teil sofort und ohne Zicken zurück.
Der Kunde ist in Deutschland in der Regel nichts Wert. Der verwöhnte Einzelhandel in diesem Land hat jahrelang auf ihn gepisst in der Annahme, er würde ja sowieso wiederkommen. Er hat ja keine Alternative, richtig? Richtig, so war es lange. Und dann ist das Informationszeitalter in der breiten Masse angekommen und der deutsche Kunde schnuppert ein wenig der frischen Brise, die dort auf einmal weht.

Neulich war ich in einem lokalen, sehr bekannten Möbelhaus. Nachdem ich 20 Minuten herumgelaufen bin, ohne von einem Verkäufer angesprochen zu werden, habe ich mir einen Spaß gemacht und übertrieben interessiert auf einen Schrank gestarrt. Ich habe ihn angefasst, die Türen geöffnet, das Preisschild gelesen und lächerlich auffällig genickt, als würde ich sagen wollen: Ja verdammt, das ist der Schrank. Den will ich!
Verkäufer? Fehlanzeige. Oh, da waren Verkäufer. Die haben mich auch gesehen. Die denken sich: Wenn er was will, wird er sich schon melden. Ich denke mir: Leckt mich. Und gehe. Das lässt sich für den Einzelhandel beliebig fortsetzen, aber z.B. auch bei Maklern. Ich gehe zu Anbietern, die sich über ihre Kunden freuen.
Ich denke das deckt sich mit der Meinung der breiten Masse.
Wie kommt es nun, dass ich einerseits so über den Einzelhandel herziehe, andererseits weiter oben aber behaupte, den lokalen Handel stärken zu wollen?
Nun ja, es gibt nämlich auch Händler, die es verstanden haben und wieder Mehrwert bieten.

Wenn ich in mein lokales Käsegeschäft komme, sagt der Jürgen: “Ah, Dennie, hast wieder Hunger?”
Jürgen kann mir zu jeder Käsesorte seine Entstehungsgeschichte erzählen. Er weiß alles über den Reifungsprozess, weiß, wo seine Produkte herkommen und gibt dieses Wissen auch gerne weiter. Er ist transparent. Außerdem engagiert er sich für ein Projekt gegen Gentechnik in der Region und organisiert Vorträge zur bewussten Ernährung. Jürgen ist die Art von Geschäftsmann, bei dem der Einkauf zum Erlebnis wird. Man kann probieren, reden und eine für beide Seiten nützliche Connection zueinander aufbauen. Diese Art Einzelhandel muss unbedingt gestärkt werden. Natürlich ist er ein paar Cent teurer (wirklich, viel ist das nicht), was ich in dem Fall aber gerne hinblättere.

Der Buchhandel und zwischenzeitlich auch der Elektro-Einzelhandel (und viele mehr) haben den Aufsprung auf die neuen Technologien einfach verpasst. Niemand hielt sie davon ab, selbst Onlineshops zu erstellen, kreativ zu werden, die Kunden einzuladen. Oh, es bedeutete Aufwand, das ist richtig. Aber den Aufwand hat auch der Arbeiter, der sich in seinem Job weiterbilden muss. So ist das Leben Freunde.
Jetzt, da viele der kleinen Buchhandlungen schließen mussten, eröffnen wieder erste Geschäfte, die es verstanden haben. Sie organisieren Vorlesungen und so Sachen, bringen neue Ideen rein. Schade, dass dafür so viele Köpfe rollen mussten.

Amazon ist für mich kein Heiliger. Das Unternehmen hat seine Fehler, absolut, darüber kann man reden. Aber es macht vieles richtig und ich kann das Geheule eingerosteter Einzelhändler, die sich nun gezwungen sehen, mit dem Markt zu gehen, einfach nicht mehr hören. Die Welt ist nicht mehr die Gleiche wie noch vor 100 Jahren; ich denke, das ist jetzt auch in der letzten dieser hohlen Birnen angekommen.

Deswegen geht mein Aufruf heute an euch alle. Er geht an die Seite in euch, die der Oma über die Straße hilft und mit dem flennenden kleinen Jungen im Kaufhaus redet, bis seine Mama ihn wieder gefunden hat. Wenn es diese Läden in eurer Stadt gibt, die sich WIRKLICH Mühe geben, dann kauft dort ein. Lernt die Inhaber kennen, kommt mit ihnen ins Gespräch. Wir brauchen diese Läden. Mein Thema ist die Selbstermächtigung und die ist nur mit einem starken, lokalen Netzwerk und Handel möglich. Und scheißt bitte nicht wegen 3 oder 4 Euro Preisunterschied rum, wenn der Händler sich dafür auch ins Zeug legt.
An die unterbelichteten Tiefflieger da draußen, die in diese Geschäfte gehen um dort alles auszuprobieren, sich gut beraten zu lassen, die Händler ausnutzen um sich dann an ein paar Euros Rabatt im Internethandel aufzugeilen: Lasst es einfach, okay? Ihr wollt für eure Arbeit bezahlt werden und das wollen die Händler auch.

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